Meine Liebe zu Qigong begann 1979 in Chinatown, Manhattan  
  wei Engel, so schien mir, schwebten über einer Wiese, schwebten einen Hügel herab, die Arme im Wind, der sie trug oder wehte, die Gesichter vergeistigt oder verklärt. Oder vielleicht war auch nur ich verklärt von ihrem Anblick, denn von dem Rest dieses Theatervideos weiß ich nichts, absolut nichts mehr, nur, dass sich die anwesenden Avantgardisten des jungen amerikanischen Theaters über diese „Engel“ amüsierten – man kannte sich. In dieser Szene machten alle Taiji, das gehörte zum guten Ton. Sie fanden, ich solle doch auch Taiji machen, Dienstag und Donnerstag in der Canalstreet bei der chinesischen Lehrerin, die „in“ war, und so ging ich eben auch zweimal pro Woche zum Taiji.  
 
n New York war ich als wissbegierige, junge Bühnenangehörige der Regie gelandet, obwohl ich so jung nun auch nicht mehr war, immerhin schon neununddreißig. Theatergläubig pilgerte ich zu allen „events“ der amerikanischen Avantgarde uptown und downtown und schaute Stunden um Stunden sehr interessante Theatervideos in der Lincoln Library an. Doch in Chinatown begegneten mir die Engel des Qigong und berührten mein Herz.
 
 
n meiner Erinnerung war es höllisch, dies engelgleiche Schweben. Ich schwitzte, war verzweifelt, hatte zwei linke Füße, zwei linke Arme und sah mir, eher verquält und entgeistert denn vergeistigt, in einer gnadenlos großen Spiegelwand dabei zu. Ich genierte mich schrecklich. Alle anderen um mich herum schienen genau zu wissen, wie die „Katze die Laute schlägt“, wo sie den „Schwanz des Vogels fassen“ und wie sie die „vier Affenschritte rückwärts“ gehen können, nur ich nicht. Unsere chinesische Lehrerin lächelte freundlich zu meinen Bemühungen, Arme und Beine zu entwirren, auch alle anderen waren freundlich und höflich und hilfreich.
Am liebsten saß ich in einer Ecke und schaute ihnen zu.
 
 
nd noch immer schaue ich gern zu. Vor einiger Zeit sah ich den Film „Exil Shanghai“ von Ulrike Ottinger, in dem es eine Szene gab, die mich, wie einst, gefangen nahm. Ein alter Mann machte Taiji inmitten einer Menschenmenge, auf einer Verkehrsinsel. Er trug eine braune Strickjacke, weiße, baumwollene Handschuhe und er war nur von hinten zu sehen. Voll Anmut, voll Andacht wiegte er sich um seine Achse, bewegte seine Arme und seine weiß beschützten Händen, bewegte sich wie in einem heiligen Tanz. Um ihn herum das tosende Shanghai.
 
 
ch würde gern noch einmal nach Chinatown, Manhattan, fahren, dahin, wo alles anfing, noch einmal in diese Loft gehen, in der ich die ersten Gehversuche auf meinem Weg des Qigong von einer Chinesin erlernen durfte. Noch lieber allerdings ginge ich nach China, dahin, wo es wirklich anfing. Ich bin neugierig auf die Wurzeln. Mich interessiert am Qigong die Essenz, die vor mehr als zwanzig Jahren mein Herz so sehr berührte und die es immer wieder aufs neue berührt.

Ich suche die Quelle, aus der diese Essenz entspringt und den Tanz, der dem, was heute Qigong genannt wird, zugrunde liegt.